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Reporter-Forum 2016 - so wars!

Blog

Reporter-Forum 2016 - so wars!

Janine Teissl

Am 16. September 2016 fand in Zürich das zweite Reporter-Forum Schweiz statt. Wir verlosten Tickets um unseren Mitgliedern zu ermöglichen, rund ums Thema "Reportage" ganz viel Neues zu lernen. Die Dokumentation des Anlasses ist online und auch unsere Teilnehmenden lassen das Reporter-Forum in einem Blog Revue passieren.

GELERNT
Felix Unholz

"Jeder Satz ist anders." Diesen Leitspruch gab uns Ariel Hauptmeier in seinem Workshop "Interessanter Schreiben" mit auf den Weg. Damit rief uns der Textchef beim Berliner Recherchebüro Correct!v in Erinnerung, dass sich ein interessanter Artikel durch abwechslungsreiche Sätze auszeichnet, die einen bewussten Spannungsbogen erzeugen. Eine Binsenweisheit, die im hektischen Redaktionsalltag viel zu selten in Erinnerung gerufen wird.

Im Workshop schulten wir unsere eigene Schreibe mithilfe von Texten grosser Schriftsteller wie Ferdinand von Schirach, Georg Büchner oder "Spiegel"-Reporter Takis Würger. Von der existentialistischen Schlichtheit eines Textes bis zur Überstrukturierung und Rhythmisierung lernten die Teilnehmer verschiedene Möglichkeiten kennen, um aus dem eigenen, gewohnten Stil auszubrechen. Leider kam die Übung des Gelernten aus zeitlichen Gründen etwas zu kurz. Doch Ariel Hauptmeier steckte die Teilnehmenden im Workshop mit seiner eigenen Begeisterung für sprachliche Finessen an und verknüpfte dabei trockene Fachbegriffe wie Parataxe (Hauptsatzstil) und Hypotaxe (Nebensatzstil) mit anschaulichen Beispielen.

KENNENGELERNT - Begegnung
Nicolai Morawitz

Charlotte Theile ist Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in der Schweiz. Vor einem Jahr hatte ich bereits einmal Kontakt mit ihr für ein Thema im Tessin, wo ich als Journalist arbeite.

Am Reporterforum hatte ich die Gelegenheit, Charlotte zu treffen - zusammen mit zwei Journalisten aus Südafrika und aus den Vereinigten Staaten hat sie an einer Podiumsdiskussion teilgenommen. Das Thema: Wie nehmen ausländische Journis die Schweiz wahr? Wie lässt es sich hier arbeiten?

Für Theile steht fest, dass das Interesse an der Schweiz in Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Die Finanzkrise, das Ende des Bankgeheimnisses, Rechtspopulismus, die FIFA und nicht zuletzt die Zukunft der EU - bei einer Vielzahl von internationalen Themen gebe es Bezugspunkte zur Schweiz.

Auch das Interesse am direktdemokratischen Modell der Schweiz wachse: „Wie funktioniert das bei unseren Schweizer Nachbarn und was könnten wir vielleicht bei uns einführen?“. Dies sei eine Frage, die an Bedeutung gewonnen habe, so Theile. Anknüpfungspunkte sind dabei unter anderem umstrittene Infrastrukturprojekte wie Stuttgart 21. Dieses Interesse stammt in Deutschland allerdings auch von Rechtsaussen: Frauke Petry besuchte beispielsweise eine AUNS-Versammlung in Interlaken. Pegida Deutschland bezieht sich in einem Positionspapier mehrmals auf die Schweiz. Unter anderem bei „Bürgerentscheiden“ und dem Asylsystem.

Theile geht davon aus, dass ihre Leserinnen und Leser in Deutschland schon ein gewisses Grundwissen zum Schweizer System mitbringen. Mir ist beispielsweise in ihren Artikeln aufgefallen, dass sie National- und Ständerat in den meisten Fällen als bekannt voraussetzt. Ihre Stammredaktion in München fragt dann auch keine „Schoggi-Uhren-Alpenidylle“-Artikel bei ihr an. Einzig bei der Bebilderung erkennt Theile bei ihren deutschen Kollegen eine gewisse Schwäche für Klischees.

Ihre amerikanische Kollegin hat da höhere „Hürden“ zu überwinden, wie sie an der Podiumsdiskussion berichtete. Das Stereotyp von der schwerreichen und mustergültig organisierten Schweiz lasse sich bei ihren Kunden in den USA nur schwer bekämpfen.

Was die Arbeitsweise von Journalisten in der Schweiz angehe, so beobachtet Theile teilweise eine im Vergleich zu Deutschland weniger „harte Gangart“ von ihren Schweizer Kollegen im Umgang mit Politikern und Personen der Öffentlichkeit. Das möge einerseits daran liegen, dass die Schweiz kleinräumiger sei und andererseits Politiker und öffentliche Einrichtungen vergleichsweise umgänglich und transparent seien. In diesem Zusammen sprach sie auch die in der Schweiz verbreitete Praxis an, Texte Interviewpartnern zum Gegenlesen vorzulegen. In Theiles Augen ist das problematisch. Ihre amerikanische Kollegin wurde da noch grundsätzlicher: „Wenn ich das in den USA mache, werde ich einfach gefeuert“.

GEÄRGERT - Hirn und Hunger oder: geärgert und geknurrt
Julia Voegelin

In einem Artikel Konferenz im Koma stellte die Süddeutsche Zeitung einen kleinen Ratgeber auf mit den wichtigsten Punkten zu: how to conference. Einer dieser Punkte: Damit die Konferenz für die Teilnehmenden nicht im Koma endet, soll eine vernünftige Verpflegung während der gesamten Tagung garantiert sein. Denn ist der Bauch leer, steuert auch das Hirn auf den Nullpunkt zu.

Mein Auftrag hier lautet: Beschreiben, was mich während des Reporter-Forums 2016 geärgert hat. Und ich muss sagen: Ich habe sie knurren gehört, die leeren, ausgezehrten Mägen meiner Kolleginnen und Kollegen, die meisten von ihnen sich mit Nikotin oder Koffein vertröstend, den Hungerrast aufschiebend. Um später umso wuchtiger ins Zuckerloch zu stürzen.

Ich will nicht sagen: Wir haben gehungert. Das Mittagessen war ausgezeichnet. Leicht, gesund, bekömmlich. Aber bei einem dichten Programm, einer Menge Inputs und interessanten Begegnungen verbraucht mein Hirn mindestens zehnmal mehr Rüeblisalat, als das Buffet hergab. Die Faustregel lautet: Verpflegung und Programm zu gleichen Teilen abmessen. Und portioniert über den Tag verteilen.

Die Formel hierzu fehlt noch. Vielleicht finden sich fürs nächste Mal Journalistinnen und Journalisten, die gerne mit Zahlen hantieren. Und ausrechnen, wie viel Kilo Kohlenhydrate und wie viel Liter Kaffee ein Journalistenhirn an so einem Tag ungefähr verbraucht. Die wichtigste Variable in dieser Rechnung ist wohl das Portmonee der Freischaffenden und Studierenden. Wobei das Portmonee eher eine Konstante darstellt:

Portmonee < 0.

Und wem das jetzt zu abstrakt ist: Es ist mutig, an einer Konferenz CHF 4.50 für eine Tasse Kaffee zu verlangen. Aber für Zürcher Verhältnisse wohl immer noch ein fairer Preis.

ÜBERRASCHT
Elia Blülle

Die Medienkrise frisst jeden Idealismus weg - könnte man meinen. Das Reporter-Forum beweist eindrücklich das Gegenteil und das ist gut so.

Das Reporter-Forum ist neben Journalismus jetzt der einzige Schweizer Event, der junge Journalisten anzieht. Das überrascht, denn andere Branchenevents haben Mühe junges Publikum zu begeistern.

Woran liegt das?

Einer der Attraktoren des Forums ist die Ausstrahlungskraft der Reportage. Eine Textsorte, die als Königsdisziplin in den meisten Redaktionen eine Heilige Kuh geblieben ist. Während die Medienhäuser an allen Enden wegsparen, teure Qualitätssicherung für schwarze Zahlen opfern, überleben die grossen Reportagen mit Einschränkungen Sparrunden um Sparrunden. Sie gelten als die einzig verbliebene Möglichkeit, abseits des Klickwahns mit Druckerschwärze noch Geld zu verdienen, wie zum Beispiel das beliebte Reportagen-Magazin belegt.

Und trotzdem: Die Textsorte der Reportage ist zeitaufwendig und für den Normaljournalisten kaum ohne Quersubventionen zu bestreiten (die paar Edelfedern ausgenommen). Freie Journalisten haben an einem Panel des Forums geraten, dass wer Reportagen schreiben möchte, sich eine Cashcow zulegen müsse, anders sei die Tätigkeit nicht zu finanzieren. Es sind Liebhaberprojekte, gefedert vom Restidealismus oder inspiriert durch die Reminiszenz an Kisch-Texte. Geld verdienen damit nur die besten.

Was mich überrascht hat, ist der Optimismus, von dem das zweite Reporter-Forum getragen wurde. Während andere Journalismus-Events sich im Krisenmitleid suhlen, konnte das Forum eine Stimmung bewirken, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe. Die Abwesenheit von Krisenapostel, die Präsenz von renommierten Altjournalisten, die nur am Rande von den Kahlschlägen betroffen sind, und jungen Talente, die allen Prognosen zuwider mit Reportagen ihr Leben bestreiten, haben eine positive Atmosphäre in die Räume des Volkshauses getragen. Andreas Dietrich, Stv. Chefredaktor Blick, fasste es in einem Tweet passend zusammen: «Krass! Das #rfch16 ist ein Journalistenanlass, bei dem es um Journalismus geht. Und «Inhalt» kein Fremdwort ist.»

Wieso ist das gut?

Der Journalismus, wie er heute betrieben wird, überlebt die kommenden Jahrzehnte nicht. Als Renditezitrone werden sich die Publikationen der Medienhäuser noch für ein paar Jahre halten, aber irgendwann ist dann Schluss. Wer übernimmt die Funktion der Vierten Gewalt? Wer erzählt die wichtigen Geschichten? Es sind junge Journalisten, die Alternativen suchen müssen. Ob es dann noch Journalismus heisst, was wir dann machen oder ob es gedruckte oder online Medien sind, die wir bewirtschaften, ist egal. Es geht in erster Linie darum, einer jungen Generation ein Selbstverständnis zu geben, welches nicht nur durch die Krise und Clickbaits geprägt ist, sondern eben auch von Inhalten lebt, die begeistern. Wenn Erwin Koch und Margrit Sprecher von ihren grossen Texten erzählen, formen sie ein anderes Narrativ: Wir mussten auch hart arbeiten, bis wir da waren, wo wir heute sind, es macht Spass und ja, wir finanzieren damit unser Leben. Trotz Krise.

Wir stecken in der Medienkrise, aber wir investieren einen ganzen Tag, um über die Reportage zu sprechen, ohne dabei an die Apokalypse zu denken. Das ist wichtig. Vielleicht sollten wir wieder mehr über das Grundhandwerk diskutieren und über Inhalte, als in den Dämpfen der Krise unsere Kreativität und Bereitschaft für Innovationen betäuben zu lassen. Totgeglaubte leben länger, aber auch nur, wenn sie leben wollen.